Wirsberg, Deutschland · 2016 — 2021
Der Auftrag
Ein Hotel, das mit der Qualität seiner Küche längst nicht mehr Schritt hielt – und eine Freundschaft, die dieses Projekt überhaupt erst möglich machte.
Ute Günther und Alexander Herrmann kennen sich seit ihren Zwanzigern in Bayreuth. Als er sie 2016 kontaktierte, hatte sein Gourmetrestaurant bereits einen Michelin-Stern erhalten – doch die Hotelgäste übernachteten in Zimmern, die sich seit Jahrzehnten kaum verändert hatten. Blauer Teppich. Terrakottafarbene Wände. Veraltetes Inventar. Die Diskrepanz zwischen der Küche und den Räumen erzählte die falsche Geschichte.
Das Budget war bewusst begrenzt. Alexander Herrmanns Fokus lag damals auf der Küche. Alles andere musste sich diesem Budget fügen – mit dem Bestehenden arbeiten, bewahren, was erhalten werden konnte, und die Qualität im Gewöhnlichen finden. Ute Günthers Formulierung dafür: „Ich mache Kaviar aus diesem Rollmops!" Dieser Ansatz bewährte sich über fünf Jahre hinweg – in 30 Zimmern, einem Restaurant, einer denkmalgeschützten Fassade und einer Lobby, bei laufendem Hotelbetrieb.
Das Projekt begann mit drei Musterzimmern. Nachdem Alexander Herrmann das Ergebnis gesehen hatte, übergab er Ute Günther die vollständige gestalterische Freiheit. Wann immer er ein neu fertiggestelltes Zimmer zum ersten Mal betrat, schickte er eine Videobotschaft. Die Worte waren immer dieselben: Er könne es kaum erwarten zu sehen, was als Nächstes kommt.
„Sie hat geschafft, was ich als One-Woman-Show nie hätte leisten können."
— Corinna Kretschmar-Jöhnk, Joi Design Hamburg – Podiumsdiskussion auf der Heimtextil Frankfurt gemeinsam mit Alexander Herrmann5
Jahre · 2016 bis 2021 · Hotelbetrieb während der gesamten Bauzeit
30
Neu gestaltete Zimmer · Jedes mit einer eigenen Identität
2
Michelin-Sterne · Alexander Herrmann & Tobias Bätz · Verliehen 2019
1
Denkmalschutzantrag · Für die historische Fassade eingereicht und genehmigt
2016 — 2021
Kapitel 01
Dreißig Zimmer. Jedes anders. Der Ausgangszustand war in jedem Fall derselbe: blauer Teppich, terrakottafarbene Wände und Möbel, die sich über Jahre angesammelt hatten, ohne Bezug zueinander. Die Aufgabe bestand darin, jedem Zimmer eine eigene Identität zu geben – mit begrenztem Budget, möglichst viel Wiederverwendung bestehender Möbel und Materialien und dem Ziel, wiederkehrenden Gästen immer wieder einen neuen Aufenthalt zu ermöglichen.
Die eigenen Gemälde des Hotels – über Jahrzehnte gesammelt und zuvor ohne erkennbare Ordnung aufgehängt – wurden zu einer Galeriewand neu arrangiert. Der Rattansessel und weitere Möbel waren bereits im Haus vorhanden. Nichts wurde verschwendet.
Elvira – eine Figur, die Ute Günther von Hand direkt auf die Wand zeichnete. Sie begrüßt die Gäste beim Betreten des Zimmers.
Links: Senfgelb, Schieferblau und Altrosa ziehen sich als Farbflächen über Wand und Decke – zwei Türen weiter ein völlig anderer Charakter. Rechts: Das Love-Zimmer mit Blattgold-Typografie an der Decke.
Zwei von 30 Zimmern – jedes als vollständiges Konzept entworfen, nicht aus einem Katalog zusammengestellt. Foto: Christian Burmester
Kirschblüten-Tapete, Ziehharmonika-Pendelleuchten und vorhandene Rattanmöbel wurden in ein neues Konzept integriert statt ersetzt. Im gesamten Hotel wurden Plattenspieler integriert; die Schallplatten stammen aus zweiter Hand. Foto: Christian Burmester
Links: Wirsberg ist Wagner-Land. Bayreuth – Heimat der Festspiele – liegt nur zwanzig Minuten entfernt. Die Schallplattensammlung stammt aus zweiter Hand; Tannhäuser war unverzichtbar. Rechts: Ein originaler Hotel-Kronleuchter wurde gereinigt, neu verkabelt und wiederverwendet. Foto (links): Christian Burmester
ZIMMER 153 – GRUNDRISS UND WANDANSICHTEN. Jedes der 30 Zimmer wurde vor Baubeginn einzeln gezeichnet: Grundriss, Möblierung und Materialangaben wurden individuell auf den Charakter und die Geometrie des jeweiligen Zimmers abgestimmt.
Vorher – jedes Zimmer war in Farbpalette und Möblierung nahezu identisch, unabhängig von Größe oder Lage. Über Jahre hatten sich dieselben gestalterischen Entscheidungen wiederholt.
Dreißig Zimmer, kein einziges wie das andere – und ein roter Faden der Wiederverwendung: vorhandene Rattanmöbel, Hotel-Kronleuchter, die neu verkabelt statt ersetzt wurden, und Gemälde, die dem Hotel bereits gehörten. Die Budgetdisziplin, die in den Zimmern begann, prägte das gesamte Projekt.
2017 — 2018
Kapitel 02
Über Jahrzehnte hatte eine abgehängte Decke die ursprünglichen Proportionen des Raums verborgen. Schienenstrahler blendeten die Gäste direkt. Als die Decke entfernt wurde, kamen zwei unerwartete Dinge zum Vorschein: die ursprüngliche Architektur des Gebäudes – und originale Deckenplatten, rosa gestrichen, von deren Existenz niemand wusste. Beides wurde zum Ausgangspunkt der Neugestaltung.
Die wiederaufladbaren Tischleuchten wurden mit einer Farbtemperatur von 2700 Kelvin spezifiziert und eigens vom Hersteller für das Restaurant gefertigt. Ihr Licht fällt präzise auf die Tische und rückt die Speisen in den Mittelpunkt. Die vier runden Tische in den Raumecken erhielten feste Pendelleuchten, die als Anker im Raum wirken.
Vorher: Die abgehängte Decke verbarg die ursprüngliche Raumstruktur, Schienenstrahler blendeten die Gäste. Während und danach: Der Rahmen der Pendelleuchten während der Montage. Beim Rückbau der Decke kamen die originalen Deckenplatten zum Vorschein – rosa gestrichen und schließlich als Wandverkleidung wiederverwendet. Ein Material, das jahrzehntelang verborgen war, wurde zur prägendsten Oberfläche des Raums.
„Viele Restaurants überfordern ihre Gäste mit hartem Licht. Unser Ziel war es, den Tisch präzise auszuleuchten und die Gerichte optimal in Szene zu setzen. Das Essen steht im Mittelpunkt des Erlebnisses – und genau dort sollte auch das Licht seinen Fokus setzen."
— Ute Günther2019 erhielten Alexander Herrmann und Tobias Bätz ihren zweiten Michelin-Stern – ein Jahr nach der Fertigstellung der Neugestaltung des Restaurants.
2019
Kapitel 03
Drei Gebäude. Eine gemeinsame Identität. Der Gebäudekomplex war über Jahrzehnte gewachsen – unterschiedliche Bauzeiten, unterschiedliche Architekturen, keine gemeinsame gestalterische Sprache. Der Restauranteingang wirkte wie der eines Dorfgasthauses. Der Hoteleingang wurde von einer halbrunden Markise mit blauer Schreibschrift geprägt, die einer anderen Zeit entstammte. Was im Inneren längst begonnen hatte, spiegelte sich außen noch nicht wider. Die Fassade stand unter Denkmalschutz. Planung, Gestaltung und Denkmalschutzantrag wurden von Ute Günther entwickelt und eingereicht. Ziel war es nicht, die Geschichte des Gebäudes zu verändern, sondern ihr eine zeitgemäße Form zu geben – und aus drei Einzelgebäuden einen zusammenhängenden Auftritt entstehen zu lassen.
Die Gesamtfassade in der Dämmerung – drei Gebäude, eine gemeinsame Identität. Auch das Beleuchtungskonzept für die Terrasse wurde im Rahmen dieser Planungsphase entwickelt und spezifiziert.
Nachher – ein unter Denkmalschutz genehmigtes Farbkonzept in Grau und Gold verbindet drei Gebäude zu einem harmonischen Gesamtbild. Beide Eingangsvordächer wurden von Ute Günther entworfen und von Metallbau Hacker in Bayreuth gefertigt.
Vorher – ein Restauranteingang mit dem Charakter eines Dorfgasthauses und ein Hoteleingang, der einer anderen Epoche angehörte. Beide vermittelten einen Eindruck, der nicht mehr zur Qualität und Atmosphäre des Hauses passte.
2020 — 2021
Kapitel 04
Die letzte Bauphase. Mit einem äußerst begrenzten Budget erhielt die Lobby eine völlig neue Atmosphäre. Ein dunkles, warmes Farbkonzept verwandelte den Raum, ohne seine Substanz zu verändern. Der historische Fliesenboden blieb vollständig erhalten: Statt ihn zu entfernen, wurden Teppichfliesen direkt darauf verklebt – eine reversible Lösung, die den Bestand bewahrte. Die Arbeiten führten Ute Günther, ihr Sohn Noah und der Hoteldirektor selbst aus. Der Empfangstresen wurde vollständig neu entworfen und farblich exakt auf die Wände abgestimmt. So tritt er optisch zurück, statt den Raum zu dominieren. Ein verspiegelter Sockel lässt ihn scheinbar über dem Boden schweben und verleiht ihm trotz seiner Größe eine überraschende Leichtigkeit. Messingdetails von Berthold Hoffmann aus Nürnberg ziehen sich durch das gesamte Möbel. Gleichzeitig erfüllt der Tresen alle Anforderungen des Hotelalltags: integrierte LED-Beleuchtung, einen Bereich, in dem der Drucker verschwinden kann, einen Papierschlitz in einer Front für den Einwurf von Altpapier, eine Ablage für Handtaschen sowie ausreichend Stauraum für Wasserflaschen für die Gäste. Funktionale Präzision wurde zum selbstverständlichen Bestandteil der Gestaltung.
„Alexanders Großmutter hatte ihr ganzes Leben im Hotel gelebt. Als sie die neuen Teppichfliesen sah, fragte sie, warum wir die schönen Originalfliesen verdeckt hätten. Alexander antwortete nur: Genau deshalb sind sie noch da. Man sieht sie nur nicht mehr."
— Ute Günther
Der fertige Empfangstresen – gefertigt und lackiert von Schreinerei Bezold, farblich exakt auf die Wände abgestimmt. Ein verspiegelter Sockel lässt ihn über dem Boden schweben. Messingablage mit dem Schriftzug „AH Grüss Godd", eine Tresenerweiterung aus Eiche sowie Messingarbeiten von Berthold Hoffmann, Nürnberg.
EMPFANGSTRESEN – GRUNDRISS, ANSICHT UND DETAILZEICHNUNGEN. DIESE AUSFÜHRUNGSZEICHNUNG DIENTE SCHREINEREI BEZOLD ALS VERBINDLICHE VORLAGE FÜR MASSE, PROPORTIONEN UND MATERIALÜBERGÄNGE VOR BAUBEGINN.
„Fünf Jahre. Dreißig Zimmer. Keines wie das andere.
Das Budget war immer knapp.
Das war nie eine Ausrede."
Ute Günther Spaces